Wie gehen wir nun mit dem Wissen aus den letzten beiden Blogbeiträgen um? Der wichtigste Schritt ist die Erkenntnis, dass wir Prokrastination nicht durch „Zusammenreißen“ heilen können. Wir müssen an die Basis gehen: die Regulation unseres Nervensystems.
Nur wenn unser Nervensystem sich sicher fühlt, können wir wirklich in die Handlung kommen, ohne dass die „Notbremse“ der Angst ausgelöst wird. Das braucht Zeit und oft auch professionelle, traumaerfahrene Begleitung. Es geht darum, neue Verknüpfungen im Gehirn zu schaffen und dem Körper beizubringen, dass Aktivität heute nicht mehr automatisch Gefahr bedeutet.
Strategien für den Alltag: Sanft und bewusst
Wenn wir beginnen, unser Nervensystem zu regulieren, können wir auch äußere Strukturen nutzen – aber in einer liebevollen Art und Weise:
- Selbstwirksamkeit trainieren: Gehe winzige Schritte. Nimm dir nicht vor, die ganze Wohnung zu putzen, sondern nur eine Schublade. Erlebe bewusst den Erfolg dieses kleinen Schrittes.
- Zustands-Check: Frage dich: Bin ich gerade in der Übererregung (Angst, Perfektionismus)? Dann brauche ich Beruhigung. Oder bin ich in der Untererregung (Gefühl von Leere, Langeweile, Lähmung)? Dann brauche ich sanfte Aktivierung (Bewegung, Musik).
- Das Zeitgefühl heilen: Viele Betroffene erleben Zeit als „ewig“ oder „total“. Erinnere dich daran, dass eine Stunde eine begrenzte Spanne ist und nicht „für immer“ dauert. Nutze Timer, um dieses Gefühl für Zeiträume langsam wieder aufzubauen.
Die Kraft der Neugierde und des Wohlwollens
Zum Schluss möchte ich dich einladen, eine neue Haltung dir selbst gegenüber einzunehmen: die der Neugierde. Beobachte dich selbst wie ein wohlwollender Forscher. Wenn du merkst, dass du wieder aufschiebst, schimpfe nicht mit dir. Frage dich stattdessen: „Ah, interessant, da ist wieder mein Schutzmechanismus. Wovor will er mich gerade bewahren? Welche Angst liegt darunter?“
Indem wir den inneren Stimmen, die uns abwerten, mit Freundlichkeit begegnen und ihnen klarmachen, dass wir heute erwachsen und sicher sind, können sie sich nach und nach entspannen. Heilung bedeutet nicht, das Symptom „wegzumachen“, sondern die dahinterliegenden Wunden zu versorgen. Je mehr du in deine Kraft und Selbstregulation kommst, desto natürlicher wird der Zugang zu deinen Potenzialen. Es lohnt sich, dranzubleiben – für ein Leben, in dem du nicht mehr vor dir selbst fliehen musst.
Ich unterstütze gerne dabei, meine Kontaktdaten sind oben am Rand zu finden.
Siehe dazu auch die einführenden Beiträge:
Wenn das Aufschieben zur Notbremse wird – Die verborgenen Wurzeln der Prokrastination
Die Logik des Nervensystems – Trauma, Angst und Selbstsabotage