Warum Erfolg Angst machen kann
Im ersten Teil haben wir gesehen, dass Prokrastination oft ein Schutzmechanismus ist. Aber wovor genau schützt sie uns? Oft ist es die Angst vor dem Sichtbarwerden und der damit verbundenen Bewertung. Wenn wir etwas zu Ende bringen, wenn wir ein Ergebnis liefern, machen wir uns angreifbar. Für jemanden, der in der Kindheit Abwertung, Beschämung oder Bestrafung erlebt hat, ist dieser Moment der Vollendung tief angstbesetzt.
Das autonome Nervensystem, das primär auf unser Überleben ausgerichtet ist, stuft diese Situation als „gefährlich“ ein. Es sorgt dafür, dass wir gar nicht erst in die Umsetzung kommen. Es schützt uns vor der (vermeintlich) drohenden Beschämung, indem es uns im Aufschieben verharren lässt. Manchmal ist es sogar noch komplexer: Es gibt Menschen, die Angst vor positiven Ergebnissen haben. Das klingt paradox, ist aber aus Sicht der Identitätsbildung logisch. Wenn mein tiefes Selbstbild das einer „unfähigen Person“ ist, dann würde ein Erfolg dieses vertraute Bild erschüttern. So schmerzhaft das Versager-Image auch ist – es ist vertraut, und Vertrautheit gibt dem Gehirn eine (Pseudo-)Sicherheit. Ein Erfolg würde diese Sicherheit gefährden.
Das fehlende Gefühl der Selbstwirksamkeit
Ein wesentlicher Aspekt früher Traumatisierungen (wie Entwicklungs- oder Bindungstrauma) ist der Verlust der Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit bedeutet zu erleben: „Meine Handlungen haben einen Einfluss auf meine Welt. Ich kann Dinge bewirken und verändern.“ Kinder, die in einer Atmosphäre von Willkür, Gewalt oder Vernachlässigung aufgewachsen sind, haben oft das Gegenteil gelernt: Ohnmacht und Hilflosigkeit.
Diese Ohnmacht brennt sich als innere Realität ein. Wenn dann im Erwachsenenalter eine Aufgabe ansteht, fehlt der „Motor“, der uns glauben lässt, dass wir es schaffen können. Stattdessen übernehmen oft alte Introjekte das Kommando. Das sind innere Stimmen, die die abwertenden Worte früherer Bezugspersonen wiederholen. Ein „innerer Richter“ beginnt uns niederzumachen, noch bevor wir angefangen haben. Das Ergebnis: Die Prokrastination verstärkt sich, weil der Druck und die Angst vor diesem inneren Angriff immer größer werden. Es ist eine tragische Re-Inszenierung der alten Geschichte: Man fühlt sich hilflos wie das Kind von damals.
Das Paradoxon der vertrauten Unsicherheit
Warum halten wir so hartnäckig an Mustern fest, die uns schaden? Weil unser Gehirn Vertrautheit mit Sicherheit gleichsetzt. Eine Situation mag objektiv schrecklich sein, aber wenn wir sie kennen, weiß unser Nervensystem, wie es darauf reagieren muss.
Das führt oft dazu, dass wir unbewusst Kreisläufe erschaffen, die unser altes Leid wiederholen (Re-Inszenierung). Wir schieben auf, wir scheitern, wir werden abgewertet (von uns selbst oder anderen) – und fühlen uns dann auf eine schräge Weise „sicher“, weil wir uns in diesem Zustand auskennen. Dieses Muster zu durchbrechen erfordert Mut, denn es bedeutet, die Komfortzone des vertrauten Schmerzes zu verlassen und sich auf das unsichere Terrain der Heilung und des Erfolgs zu wagen.
Ich unterstütze gerne dabei, meine Kontaktdaten sind oben am Rand zu finden.
Siehe dazu auch den ein- bzw. weiterführenden Beitrag:
Wenn das Aufschieben zur Notbremse wird – Die verborgenen Wurzeln der Prokrastination