Das Dilemma der äußeren Fassade
„Ich weiß eigentlich gar nicht, was mit mir nicht stimmt. Auf der Arbeit läuft alles super, aber sobald ich nach Hause komme, falle ich in ein tiefes Loch.“ Diesen Satz höre ich oft. Es ist das Dilemma vieler Menschen, die nach außen hin stabil, erfolgreich und selbstbewusst wirken, aber innerlich in einer tiefen Leere und Verzweiflung versinken, sobald der „Funktionsmodus“ endet.
Vielleicht kennst du das auch: Du fühlst dich wie eine Hochstaplerin im eigenen Leben. Aber ich möchte dir gleich zu Beginn sagen: Dieses Gefühl ist kein persönliches Versagen. In der Fachliteratur (von Christine A. Courtois, Julian D. Ford, Judith Herman)nennen wir das eine hochfunktionale komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS).
Wenn Ordnung kein Zeichen von Gesundheit ist, sondern von Überleben
Anders als wir uns Trauma oft vorstellen – nämlich als lautstarken Zusammenbruch oder pures Chaos – zeigt sich diese Form durch perfektes Funktionieren. Menschen mit hochfunktionaler kPTBS sind oft die Zuverlässigsten im Team, die Leistungsfähigsten im Freundeskreis und wirken stets kontrolliert. Doch diese Stärke kommt nicht aus einer inneren Ruhe heraus, sondern ist eine tief verankerte Überlebensstrategie.
„Hochfunktional“ bedeutet nicht, dass es dir gut geht. Es bedeutet nur, dass du gelernt hast, trotz massiver innerer Not weiterzuleisten. Dieses Funktionieren ist kein Talent, sondern eine Schutzreaktion, die oft schon ganz früh in deinem Leben entstanden ist.
Die Spaltung zwischen „Funktion“ und „Gefühl“
Bei dieser Form der kPTBS beschreiben wir oft eine innere Spaltung. Michaela Huber spricht hier auch von verschiedenen Anteilen:
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Das Funktionsselbst: Es ist stark, effizient und perfekt angepasst. Es sorgt dafür, dass die Miete gezahlt wird und die Karriere läuft.
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Das Gefühlsselbst: Dieser Anteil ist verletzt, beschämt und oft wie „eingefroren“.
Diese Spaltung ist ein kluger Schachzug deines Systems aus der Kindheit. Das Funktionsselbst hat dein verletztes Inneres über Jahrzehnte vor Schmerz und Ablehnung geschützt. Aber der Preis dafür ist hoch: Du nimmst dich selbst kaum noch wahr. Nähe fühlt sich anstrengend an und Stille wird fast zur Bedrohung, weil dann die unterdrückten Gefühle an die Oberfläche kommen könnten.
Warum du oft übersehen wirst (auch von dir selbst)
Menschen, die zusammenbrechen, fallen auf. Menschen, die funktionieren, bekommen Lob. Deshalb wird diese Not oft übersehen. Viele Betroffene sagen sich: „Ich stelle mich nur an“, „Anderen geht es viel schlechter“ oder „Ich muss einfach nur noch ein bisschen stärker sein“.
Doch innerlich kämpfst du vielleicht mit Schlafstörungen, chronischer Erschöpfung oder einer seltsamen inneren Taubheit. Du wirkst nach außen hin wie das Sinnbild von Ordnung, aber innerlich fühlst du dich abgeschnitten.
Erfolg als Überlebenslogik
Es klingt paradox, aber oft ist großer beruflicher oder sozialer Erfolg ein Hinweis auf ein altes Trauma. In der Überlebenslogik bedeutet:
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Leistung gleich Sicherheit.
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Kontrolle gleich Überleben.
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Funktionieren gleich dazugehören
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Fühlen gleich Gefahr.
Vielleicht schwingt in dir auch dieser leise, grausame Satz mit: „Ich muss leisten, damit ich überhaupt wertvoll bin.“
Du bist nicht „kaputt“ – du hast überlebt
Hochfunktionale kPTBS entsteht nicht aus Schwäche, sondern aus einer Stärke, die dir viel zu früh abverlangt wurde. Der erste Schritt zur Heilung ist die Erkenntnis: Mit mir stimmt alles – ich bin nur erschöpft, weil ich viel zu lange viel zu stark sein musste.
Wenn wir verstehen, was hinter deinem Funktionieren steht, kann die Heilung beginnen. Du musst die Last nicht mehr alleine tragen. Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, bin ich gerne für dich da. Meine Kontaktdaten findest du wie gewohnt oben am Rand.
Wie geht es dir, wenn du das liest? Erkennst du dein „Funktionsselbst“ wieder? Im nächsten Beitrag schauen wir uns an, wie diese Muster in der Kindheit entstanden sind.
Siehe dazu auch die weiterführenden Beiträge:
Wie entsteht hochfunktionale kPTBS?
Wege aus dem Funktionsmodus zurück ins eigene Leben